Der Ritter ohne Rüstung

by Christoph

Du hattest kein Ziel und triebst ohne die Ahnung einer Richtung dahin, hangeltest dich von einem Punkt zum nächsten, ohne den Willen irgendwo anzukommen. Wolltest dich nirgendwo festhalten, einzig und allein berühren und mit geduckten Kopf wieder verschwinden, bloß keine Erinnerungen hinterlassen. Erwartungen schon lange begraben, dafür schon zuviel erlebt und daraus gelernt. Nichts erwarten, um am Ende nicht wieder dich zu hassen. Lieber der sein, der geht, anstatt zurückzubleiben und zu winken, immer zu jeder Minute die Kontrolle haben, das hast du mitgenommen.

Du fühltest dich gewappnet, hattest deine Erinnerungen im Gepäck und diesen einen Weg, den du jeden Tag ändertest. Doch plötzlich dieser eine, kleine, verwegene Punkt, an dem deine Rüstung, die du dir so liebevoll aufgebaut und so schön verziert hast, bröckelt und du es trotz großer Mühe nicht schaffst, die Teile wieder zusammenzusetzen. Auf einmal wieder nackt. Dieser eine Mensch, der mit einem Lächeln vor dir steht, deine Rüstung nach und nach in den Schrank verstaut und es schafft, dich dort wieder etwas spüren zu lassen, wo du doch so akribisch einen Käfig drum gebraut hast. Deine Hände fahren über die kahlen Stellen deines Körpers, an denen schon lange keine Sonne mehr kam. Blass scheinen sie dir entgegen. Da stehst du nun, wehrlos und ohne Schutz und konzentrierst dich auf dieses Pochen in der Mitte deiner Brust. Dieses vertraut vergessene Gefühl lässt dich zusammenzucken. Deine ganze Sicherheit verschwunden. Wieder der kleine Junge.

Du wolltest aufpassen auf das, was du in dir trägst, es nie wieder ungeachtet herauslassen, keine der Narben wieder aufreißen und keine neuen dazubekommen. Doch auf einmal sind sie das beste an dir, von Interesse, ein Teil, dem man sich annimmt. Verdutzt schaust du auf das, was vor deinen Füßen liegt. Sie hat den Schlüssel zum Käfig und du kannst dich nicht erinnern, ihr den gegeben zu haben.

Trotzdem kein Ziel vor Augen, jeder Schritt ein Wagnis. Ohne Rüstung zieht der Ritter durchs düstere Land, nur die kleine Laterne und die Narbe überm Herz als Begleiter. Doch eins hat er verloren: Die Angst vor dem Mut.

Schweben.

by Christoph

Es ist kalt hier im Raum. Du liegst in einer Decke eingewickelt in der Dunkelheit und starrst an die Decke. Die Decke starrt zurück. Ein Lächeln huscht über deine Lippen, als sich die Bilder des Tages in deinem Kopf erneut die Ehre geben. „Ein schöner Tag“ denkst du und drehst dich langsam auf die linke Seite. Erschöpft vom Tag, aber zufrieden. Ein tiefes, gleichmäßiges Atmen liegt neben dir. Einen letzten Blick, dann schließt du die Augen und versuchst den gleichen Rhythmus zu finden, um auch endlich schlafen zu können. In diesem Moment fallen dir wieder die vielen Worte ein, die du dir schon fein säuberlich zurecht gelegt hattest, angeordnet so, dass sie gar nicht missverstanden werden können. Du hattest einen Plan, eine Idee, wolltest alles oder nichts. Jetzt schüttelst du beschämt den Kopf und packst die ganzen Bausteine wieder zurück in den Kasten. Es ist noch nicht die Zeit dafür. Jetzt noch nicht. Vielleicht nie.

Du willst keine Fragen stellen, auf die du die Antwort nicht wissen willst, denn erst wenn du die Angst vor der Antwort verloren hast, wird es leicht, eine Frage zu stellen. Doch warum überhaupt fragen? Irgendwann hast du dir abgewöhnt etwas mit Worten herausfinden zu wollen, sondern angefangen, auf dein Gefühl zu hören. Keine Worte benutzen, da, wo ein Blick alles erklären würde. Das Credo lautete: Nicht alles wissen wollen, lieber den Moment erfassen.

Sprechen ist ein performativer Akt, der Dinge in der Welt verändert, doch genau auf diese Veränderungen kannst du gerade getrost verzichten. Denn auch wenn du deine Worte später relativieren oder zurücknehmen kannst, so verschiebt sich jedoch etwas in der Existenz, in dem miteinander, das nicht mehr verändert werden kann. Etwas Gesagtes verändert das Verhältnis, zerbricht den Schwebezustand, zementiert, offenbart und legt zugleich die Zukunft fest. Man kann keinen Menschen beleidigen, sich danach entschuldige, ohne, dass der Mensch nicht mehr weiß, dass man ihn beleidigt hat. Es ist danach nichts wie vorher. Du magst jedoch dieses Vorher.

Schweigen erhält das am Leben, was du nicht missen willst. Das Unausgesprochene unausgesprochen lassen und den Moment mitnehmen, so, wie er neben dir liegt. Was wird? Keine Ahnung, aber die Matratze ist grade echt weich. Wo willst du hin? Frag mich morgen noch mal, ich muss mir jetzt einen Traum aussuchen. Auch ohne Worte kommt alles irgendwann, irgendwo an, doch bis dahin lebst du den Moment.

Du ziehst die Decke bis zum Kinn. Noch genießt du den Schwebezustand, auch wenn du weißt, dass irgendwann die Luft ausgeht und der freie Fall beginnt.

Drecksack

by Christoph

Oh 2013, du kleiner, mieser Dreckssack. Entschuldige die Ausdrucksweise, aber ich muss mich mal kurz bei dir beschweren. Was ist nur los mit dir? Dein kleiner Bruder 2012 war ein guter Junge, wir waren per du und haben uns viele Abende in dieser kleinen Bar um die Ecke getroffen, haben auf das Leben angestoßen und uns danach Arm in Arm zur nächsten Tanzlokalität geschleppt, um die Nacht noch nicht enden zu lassen. Dein Bruder hat mir gute Freunde geschenkt, alte Bekannte zurückgeholt und neue Gesichter vorgestellt. Er hat mir immer wieder aufgeholfen und als er ging, war es ein fester Händedruck, der Mut machte. Dann kamst du.

Da liegst du nun auf deiner öligen Haut und lächelst süffisant in dich hinein, ascht noch einmal ab, kratzt dir deine dicke Wampe und machst keine Anstalten, meine Einladung auf eine gute Freundschaft anzunehmen. Anstatt mit mir anzustoßen, kommst du schon besoffen in die kleine Bar, trittst den Barhocker um und orderst zwei Bier für dich allein. Du bist kein geselliger Zeitgenosse, du bist viel lieber der kleine, arrogante und unkommunikative Hanswurst, der am Abend allein in der Ecke sitzt und sich über alles und jeden lustig macht, frustriert von sich selbst und damit alle ansteckt. Du bist der, der auf jede Party kommt und seinen Musikwunsch durchsetzen muss, dann allein torkelnd auf der Tanzfläche steht und nicht verstehen kann, warum keiner tanzt. Nur du, du freust dich.

Ich sitze allein auf dem Barhocker und frage mich, wann du rüber kommen wirst, eine widerwillige Entschuldigung raunst und als Versöhnung die nächste Runde auf dich geht. Wann wir anfangen zu reden und nicht ich dir zuhöre.

Bis das passiert, spielen wir wohl nach deinen Regeln, auch wenn ich diese noch nicht verstanden habe.

Mach’s gut alte Dame.

by Christoph

Ein Tag vor Silvester. Ein Tag, bevor die gute, alte Dame 2012 auf Wiedersehen sagt und das motivierte Jahr 2013 seinen Platz einnimmt. Und wir leben alle noch. Das überfordert 2013 ein wenig, hatte es doch gedacht, es kann nun gemütlich auf der Couch sitzen während wir alle untergehen. Jetzt doch arbeiten. Da ist 2013 nun etwas nervös, zupft aufgeregt an seiner 3 und hofft, gut genug auszusehen für seinen unverhofften Aufritt. Während sich 2013 also schön macht, werfe ich einen kleinen Blick über die Schulter und sehe, wie 2012 seine Koffer packt. Du warst gut zu mir 2012. Ich habe ein Praktikum angefangen und beendet, ich habe Dinge ziehen lassen, die am Ende jedoch nie wirklich weg waren. Und das ist gut so.

Ich hab neue Menschen kennengelernt, die schnell und ohne Vorwarnung einen Großteil meines Lebens bereicherten. Sie übernahmen, ich machte mit. Sie waren alle Teil eines Neustarts, der durch einen Umzug eingeleitet wurde und radikale Veränderung hervorbrachte. Ich verlor mich in Clubs, Bars und dem Nachtleben der Großstadt. Ging an Grenzen, übertrat sie und fand wieder zurück. Da waren Hände, die man greifen konnte, die dich hielten, um aus Versehen oder mit Absicht wieder loszulassen. Ich blieb trotzdem stehen mit Schweigen als Waffe. Ein Kuss hier, zwei Abschiede da, doch immer ein Herz, das nicht weiß wohin und sich verliert in dieser Sturm und Drang Zeit, in der man sich aber immer am Steuer sieht.

Ich erlebte neue Länder, Sitten, Traditionen, Eigenarten und teilte dies alles. Mein Blick schweifte über die Landschaft Norwegens und als ich an dieser einen Felsklippe stand, fühlte ich das erste mal etwas, was man allgemein hin wohl als Freiheit bezeichnet. Unvergesslich.

Bild1

Ich half in diesem Jahr bei 6 Umzügen. Ein weiterer Beweis, dass alles in Veränderung ist, sich neu ordnet und wieder zueinander findet. Nichts war permanent.

Hin & Her. Da & Weg. Laufen & Stehen. Das Jahr stand nie still, Veränderung war meine Normalität und nun sitze ich hier und schaue auf turbulente Zeiten zurück. Es war das Turbulente, das mich immer glücklich machte. Ein Sommer in Parks, mit vielen guten Gesprächen und einer Hand im Nacken schaute ich in die Wolken. Alle Wege standen offen, ich konnte überall hingehen, oder eben nicht. Es ist immer der Sommer, der ein Jahr beschreibt.

Mach es gut 2012, du lässt mich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen zurück und übergibst einen glücklichen Mann an deinen Nachfolger. Du warst bisher das beste Jahr, was mir passiert ist und hoffentlich kann dein Nachfolger da mithalten. Mach es gut, und sei nicht traurig, dass du das mit dem Weltuntergang versaut hast, wir Menschen hatten da eh nicht so Lust drauf.

Das Musikjahr 2012

by Christoph

Vom Gefühl her rauschte dieses Jahr nur so an mir vorbei. Man beendete grad die Umarmung an Silvester 2011 und schon steht man wieder kurz davor. Das ist dann wohl das Signal für einen kleinen, musikalischen Jahresrückblick!

Es wurde kennengelernt, verabschiedet, losgelassen und wiedergefunden, gereist, entdeckt, erobert und gefühlt. Und zu allem gab es diesen einen bestimmten Soundtrack, der nicht nur durch laue Sommernächte trug, sondern auch im Winter, beim Warten auf die Tram, die kalten Zehen vergessen ließ. Hier nun also meine Alben 2012, natürlich in geordneter Reihenfolge. Am Ende gibt es dann noch den ein oder anderen Sonderpreis, da in diesem Jahr soviel gute Musik erschien, dass ich nicht alle Perlen in eine Top 10 hätte quetschen können. Los gehts.

1. Captain Planet – Treibeis

Nachdem die Jungs schon zwei richtig gute Alben auf die Menschheit losließen, schieben sie nun mit “Treibeis” ein Werk nach, das bis an die Oberkante mit Hits vollgepackt ist, unendlich treibend nach vorne geht und dabei mit Lyrik um sich schmeißt, dass es eine wahre Freude ist. Das haben mittlerweile auch die Feuilletons erkannt und lobpreisen die Band in den Himmel. Zurecht, denn diese Platte ist ohne Zweifel DAS Werk 2012. Ohne Widerrede.

2. Apologies, I Have None – LONDON

Als vor knapp einem Jahr ihre neue 7″ rauskam, bekam ich das erste mal Wind von der Band und war sofort angefixt. Was für ein epischer Pop-Punk-Rock-Whatever war das denn bitte? Auf der 7″ befanden sich genau zwei Songs, aber die hörte ich rauf und runter und rauf und runter und rauf und..auf einmal war LONDON da und machte genau da weiter, wo die 7″ aufhörte: Epic as fuck mit Sing-a-longs, die man einfach mitbrüllen muss. Großes Kino.

3. The Tidal Sleep – S/T

Ich lehne mich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass The Tidal Sleep DIE Newcomer 2012 in der Hardcorewelt sind. Schon vor dem Release ihres Debüts waren sie als die deutschen Pianos Become The Teeth verschrien und man harren der Dinge, die da kommen mögen. Und es waren große Dinge. Ihr Debüt knallt von der ersten Sekunde alles weg und wenn man auch nur ansatzweise auf Bands wie Touche Amore, La Dispute oder Pianos steht, muss man dieses Album einfach nur lieben. Wirklich.

4. Devil Sold His Soul – Empire of Light

Damals, als Devil Sold His Soul ihr Debüt veröffentlichten, füllte die Band die Nische zwischen Post Rock und Metalcore perfekt aus. Das war irgendwie neu, das war erfrischend und vor allem unglaublich episch. Mit ihrem 2012 Release ändern sie nicht viel an dem Rezept und hauen mich genau dadurch um. Sicher, sie sind vielleicht etwas seichter geworden, aber vor allem die zweite Hälfte des Albums lässt die Kuscheltour vergessen.

5. Birds in Row – You, Me & The Violence

Kaboom. “Pilori” eröffnet diese Werk emotionaler Gewalt und gibt die Marschrichtung vor: knackige, straighte Songs voller Verzweiflung und aufblitzender Melodien, die immer wieder durch die dunkle Soundwand durchschimmern. Das nimmt mit und schickt einen auf eine Achterbahnfahrt, bei der man am Ende erst einmal Luft holen muss. Man benötigt etwas Zeit bis man sich zurecht findet, doch danach beeindruckt dieses Werk nachhaltig und lässt nicht mehr los. Birds in Row, diese kleinen Wunderkinder.

6. Fjørt – Demontage


Noch ein Newcomer 2012, der aber wohl erst im nächsten Jahr richtig durch die Decke gehen wird. Was die Jungs mit ihrem Debüt abliefern erfindet das Rad vielleicht nicht neu, doch sie wissen zumindest wie man es dreht. Ein unendlicher Emotionsbatzen, der von Sekunde eins an mitreißt.

Zähl dich nach, wieg dich auf
gern benutzt, aber nie gebraucht
gib nicht nach, stell dich drauf ein
alles was du tust, kann dein größter fehler sein

hach schön.

7. Landscapes – Life Gone Wrong

Emotionaler Hardcore die 329. Nur in Ohrwurmqualität und mit einem Hang zu großen Melodien. Immer wieder werden Pausen an den richtigen Stellen eingelegt und man bekommkt bei jeder Zeile, die der Sänger einem um die Ohren wirft, Bock, sich einfach nur in den nächstbesten Pit zu schmeißen.

8. State Faults – Desolate Peaks

Je krächziger der Gesang, desto mehr bekommt man meine Aufmerksamkeit. Ich mag es, wenn es sich anhört, als könne der Typ am Mikro einfach nicht singen. Das kann der Herr von State Faults vielleicht wirklich nicht, aber das macht sie wohl auch so gut. Gerwohnte Zutaten: viel Verzweiflung, viel Melodie, doch gleichzeititg immer an der Kante zum Chaos. Kennt man, zündet bei mir trotzdem jedes mal wieder. Besonders bei den Jungs.

9. Veils – Clarity

Noch eine Band, die nach nur einer EP völlig abgefeiert wird. Zurecht, trifft man doch hier auf 5 Ohrwürmer des emotionalen Hardcores, die sich in den Kopf festbeißen und man immer und immer wieder den Play Button drückt. Irgendwie kennt man das zwar alles schon, aber der Mix machts. Großartig.

10. Annisokay  – The Lucid Dream[er]

Wer die letzten Jahresrückblicke gelesen hat weiß, dass ich ein Faible für Metalcore habe, der zwischen Breakdowns, zuckersüßen Clean Vocals und brachialen Shouts wandert. Mindestens ein Album schafft es pro Jahr in meine Top 10 und dieses Jahr geht der Preis an Annisokay, die es schaffen, die ganzen typischen Elemente des Metalcores zusammenzuwürfeln und dabei sehr erfrischend zu klingen. Hut ab meine Herren.

Da es neben der Top 10 aber noch weitere Platten gibt, die man sich unbedingt mal geben sollte, hier einfach unkommentiert die Sonderpreise in diesem Jahr.

Beste Post-Rock Platte:

Caspian – Waking Season

Beste Rap-Platte

Macklemore & Ryan Lewis – The Heist

Beste Singer/Songwriter Platte:

I Build Collapsible Mountains – Songs from That Never Scene

Beste “Die Band hörte ich früher, aber die bringen trotzdem immer noch guter Alben raus”:

Architects – Daybreaker

Beste Hype-Band-Platte:

alt-j – An Awesome Wave

%d Bloggern gefällt das: